Casting nach Anzahl der Follower

Social Media - Casting nach Anzahl der Follower

So manche Filmbesetzung würde sicherlich anders aussehen, wenn die Prominenz der Künstler keine Rolle spielen würde. Das ist jedoch kein Phänomen des digitalen Zeitalters. Durch die Social Media Reichweite können wir lediglich die Bekanntheit im Netz in Zahlen ausdrücken. Es ist nur ein zusätzliches Medium in dem man die Bekanntheit einer Person im Netz besser messen kann, als die Bekanntheit einer Person in der Bevölkerung. Es erreicht eine eigene Zielgruppe und diese ist deutlich jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Dennoch ist die Prominenz außerhalb der Matrix für einen Schauspieler oder für eine Schauspielerin relevanter und vor allem auch nachhaltiger.

Beispielsweise hat das ZDF 2005 einen Thriller mit Nadja Auermann in der Hauptrolle produziert. Mit dieser ungewöhnlichen Besetzung wollte der Sender damals für mehr Aufmerksamkeit sorgen, vor allem bei einer jüngeren Zielgruppe. Nadja war zu der Zeit sehr gefragt und hatte auch viel Erfahrung als Model vor der Kamera, aber noch nie eine tragende Rolle in einem Film gespielt. Das hatte funktioniert und zwar so gut, dass der Sender gleich einen zweiten Film mit ihr in der Hauptrolle in Auftrag gab. Marcus O. Rosenmüller, mit dem ich verheiratet war, hatte damals die Regie für beide Filme übernommen und hatte übrigens auch die Idee zu dieser ungewöhnlichen Besetzung.

Wer sich jetzt fragt, wie das schauspielerisch überhaupt funktionieren konnte, dem kann ich die Geheimwaffe verraten: Wolfgang Wimmer. Wolfgang arbeitet unter anderem als Schauspiel- und Mediencoach und er hat Nadja damals akribisch auf die Rolle vorbereitet. Er ist mit ihr über Wochen Bild für Bild das Buch durchgegangen und hat persönliche Erinnerungen und Emotionen mit der Rolle im Drehbuch verankert. Ihr Drehbuch war so heilig wie die Bibel, da durfte auch niemand hineinsehen. Das hat mich damals sehr fasziniert. Hätte Nadja damals ein ganz normales Casting gemacht, hätte sie vermutlich nicht überzeugen können. Und was hat ihr die Rolle verschafft? Ihre Bekanntheit als Model und hätte Sie Ambitionen gehabt weiter zu machen, wäre sie vermutlich heute eine bekannte Schauspielerin. Der Film heißt übrigens „Schneewittchens leiser Tod“.

Aber wie schafft man es überhaupt berühmt zu werden? Und noch mysteriöser ist die Frage, wie schafft man es Ruhm zu erlangen? Der Entertainmentmarkt wird immer voller und die Sichtbarkeit wird immer schwieriger. Aber schauen wir uns doch mal die Definition an, die bei Wikipedia unter Ruhm steht: „Ruhm ist hohes und andauerndes Ansehen einer Person innerhalb einer Gemeinschaft oder der Öffentlichkeit. Ruhm wird durch hervorragende Leistungen oder außergewöhnliche (auch todesmutige) Taten, besonders im musischen, religiösen, politischen, wirtschaftlichen, kriegerischen, wissenschaftlichen oder sportlichen Bereich erreicht. Merkmal des Ruhms ist außerdem, dass er diese messbaren Leistungen überstrahlt, mithin stets eine nicht rationale Komponente mit sich trägt.“ Was ich damit sagen will ist, dass es wichtig ist, als Künstler/in oder Schauspieler/in nach innen zu schauen und sein Alleinstellungsmerkmal zu finden und ein Image aufzubauen. Frage Dich, was Dich auszeichnet, unverwechselbar macht und wodurch Du Dich abhebst. Nicht die Frage „Was wollen die Anderen sehen“ ist wichtig, sondern „Was möchte ich zeigen“. Da hilft auch kein Typisierungsworkshop, in dem Menschen von Außen beurteilen, wer Du bist, wenn Du es selbst nicht weißt. Das könnte lediglich zur Überprüfung dienen.

Um eine nachhaltige Bekanntheit aufzubauen, kommt man meiner Meinung nach nicht um das klassische Fernsehen bzw. um die klassischen Medien wie TV, Radio oder Außenwerbung drum herum. Allein der „Tatort“ schafft es immer noch jeden Sonntag durchschnittlich 10 Millionen Menschen vor den Fernseher zu locken. Es gibt kaum Formate, Plattformen oder andere Medien, die das in der heutigen Zeit so komprimiert schaffen.

Panisch fragen mich oft Künstler, ob sie den Anschluss verlieren, wenn sie bei Social Media nicht mitmachen? Meine Antwort ist ganz klar: „NEIN“. Ich möchte damit vielen Schauspielerinnen und Schauspielern die Angst nehmen, unsichtbar zu werden, wenn sie sich gegen Instagram, Twitter, Facebook oder YouTube entscheiden. Eine digitale Bekanntheit aufzubauen, ist mindestens genauso mühsam, wie eine analoge. Und die Frage ist, „lohnt es sich dann nicht, die Energie in sich selbst zu investieren, statt in den Aufbau einer digitalen Reichweite?“ Der Weg über Instagram und Co. scheint mir daher oft ein Umweg. Die Präsenz in TV-Formaten, in einer Serie oder in einer Show kann den Social Media Account schnell wachsen lassen, aber wenn das nicht gegeben ist, ist es noch beschwerlicher online eine große Aufmerksamkeit zu erreichen und vor allem diese auch zu halten.

BO ROSENMÜLLER
Creative Producer, Artist Relations

Den ganzen Artikel von Friedhelm Theicke im Zitty Magazin können sie hier lesen

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